Brechen des Kalktuffes von Hand - ein ausgestorbenes Handwerk

Mit welch hohem Kraftaufwand der handwerklich begabte Mensch im frühen Mittelalter den in seinem Erdbett ruhenden weichen Kalktuff abgebaut hat erzählen Zeitzeugen. Für die rege Bautätigkeit der Renaissance im 16.Jahrhundert in Württemberg ist nicht nur das im Oberen Ermstal und in Seeburg liegende Tuffstein- und Tuffsandvorkommen abgetragen worden, auch die der Donau und dem Neckar zuführende Flusstäler mit Tuffkalkbildung wurden ausgebeutet: Schlattstall an der Lenninger Lauter, in Honau an der Echaz, in Gönningen an der Wiesaz, bei der Elsach in Bad Urach sowie in Gauingen=Sinterkalkmarmor an der Zwiefalter Ach. Nach 1952 endete das manuell durchgeführte Brechen in den Seitentälern des Neckars. In europäischen Kalktuffbrüchen wird mittels maschineller Unterstützung bis heute der Stein abgebaut.

Der im Ermstal liegende Tuff wurde in örtlichen- regionalen- und überregionalen Gebäuden verbaut, seine hervorragenden Trageeigenschaften, Druckfestigkeit und Leichtigkeit zeugen seiner Beliebtheit. Heute ist der Kalktuff für originelles, augenfälliges oft denkmalgeschütztes Element zwischen Beton und Glas an Gebäuden und Plätzen begehrt.

In der Blütezeit des Steinebrechens 1885 hatte Seeburg mit 365 Einwohnern, davon 60 Steinbrecher, eine nie mehr erreichte Einwohnerzahl zu verzeichnen. In Ortsjahresberichten 1898 und 1912 wurde von Johannes Bosler beschrieben, dass die Steinbrecherarbeit noch ergiebig sei, bereits 1914, dass sie noch läuft (OA Seeburg). Verglichen mit örtlichen Handwerkern, Händlern und Mühlenbesitzern habe sie ein geringes Steueraufkommen aus Steinhandel für die Gemeinde erbracht. Tauschhandel war an der Tagesordnung: Stein gegen Lebensmittel, Möbel und Erntehilfe. Ein Bautagebuch von 1882 aus Beuren bekundet, dass dieser private Abnehmer mit Ochsengespannen auch unter winterlichen Fahrbedingungen mehrmals den Weg fuhr, um den Stein an den Putzplätzen der Brüche abzuholen. 437 Schuh entsprechend 9,7 cbm Tuffstein für 372 Mark erwarb er zum Hausbau. 1cbm Stein entsprach 45,5 Schuh, ein Schuh entspricht 10 Zoll=28 cm. Von Seeburger Fuhrleuten in Beuron angelieferte Stein ist mit 15 Mark bezahlt worden.

Aufzeichnungen des Bauamtes für das öffentliche Wasserversorgungswesen Stuttgart aus dem Archiv Römerstein über den Bau der Wasserversorgungsgruppe Enge von 1920 belegen, dass 42 cbm Stein für 45 Mark je cbm verbaut wurden. Nachweislich mussten für umfangreich angeforderte Mengen Kalktuff alle Steinbruchbesitzer zusammenarbeiten. Steinhauer und Fuhrleute wurden über Ausschreibungen im örtlichen Amtsblatt aufgefordert, auf den Großbaustellen gegen guten Lohn zu arbeiten oder zu fahren. Hierzu erzählen Zeitzeugen, dass die Pferde nachts den Weg nach Seeburg alleine zurückfanden, da der Gespannfahrer berauscht schlief.

Grunderwerb

Bevor Steinbrecher ein Grundstück erwarben, gingen sie mit Rundeisen in die Wiese und stachen an verschiedenen Stellen ein, um das Tuffausmaß abschätzen zu können. Sie konnten, sofern sie keine Grundbesitzer waren, einen Abbau auf fremdem Boden aushandeln. Vom Erlös der Steine wurde dem Eigentümer ein Viertel, bei den besten Steinen gar ein Drittel des erzielten Verkaufspreises abgetreten.

Zu Beginn des 19. Jahrhundert kostete 1 Morgen Wiese mit abbaubarem Tuffgrund 1.000 Goldmark. Der Erwerb fand häufig mit Unterpfändung statt (Schuld- und Bürgscheine 1844 OA Seeburg). Auch Ehefrauen bürgten für den im Grundbuch eingetragenen Markungsteil. Verbindlichkeiten der Gläubiger mussten eingehalten werden. Tagelöhner verbrachten den Abend häufig in den Schenken. Kinder und Frauen erwirtschafteten ihren Lebensunterhalt mit den bei der Schafschur anfallenden Arbeiten, den Erträgen aus der Landwirtschaft sowie bei der Leinenverarbeitung. Jeder Grundeigentümer hatte Tuffvorkommen, doch weder Stein noch Landwirtschaft führte in diesem kargen, engen Tal zu Reichtum.

Jeder Grundeigentümer hatte Tuffvorkommen, doch weder Stein noch Landwirtschaft führte in diesem kargen, engen Tal zu Reichtum.

Tuffbearbeitung

Steinbrecher transportierten den Humus in hölzernen Schubkarren von Hand ab, diese Schicht konnte 20 cm auch 2 m Mächtigkeit erreichen. Die frei werdende Tuffbank bot die obere zu bearbeitende Fläche. Anhand einer Zollmesslatte wurde die Schnittmarkierung mittels einer Schiefer- oder Dachplatte gezogen.

Das Loslösen=Keilhauen und Brechen=Abschlitzen der ersten Reihe erfolgte von oben hinten nach vorne. Mit einem 3 cm breiten Grehl=Steinbehauer wurde eine 5 cm tiefe und 2- bis 4 m lange Markierungserweiterung in beiden Richtungen durchgeführt sowie eine Tuffnut ausgehauen. Mit der Spitzaxt wurde die Begradigung der Nut durchgeführt und mit einem breiten Grehl die Schnittführung auf 25 cm vertieft. Die daraus entstehende erste Nut legte die Längenlinien des Steines fest, mehrere Durchgänge dieser Bearbeitungsart waren nötig um eine Tiefe von 45 cm zu erlangen.

Nach der Bearbeitung einer zweiten Längs- und Quernut wurde diese bis 10 cm unter die Oberfläche mit Sand verfüllt. 10 bis 12 Eisenkeile in gleichen Abständen in die Nut eingelegt und mit Holz- oder Eisenschlegel Schlag auf Schlag so behauen, dass Spannung auf den 200x40x42 cm großen Quader kam. Diese Spannung wurde vorsichtig weiter aufgebaut, bis der Stein hörbar abriss und aus seinem Lager wegtrieb. Mittels Hebeeisen wurde er auf Holzrollen gehievt und auf den Steinbearbeitungsplatz transportiert um dort bearbeitet zu werden. Der vollständige Stein ohne Stich und Lager hat ein helles, der beschädigte Stein kein Klangbild. An einer Tuffbank arbeiteten bis zu drei Steinbrecher. Mit einem Holzkran, welcher auf Eisenrollen in Eisenschienen über dem bis zu 18 m tiefen Steinbruch stand, wurden die Quader in Eisenketten hängend von Hand hochgezogen und auf dem Steinputzplatz zwischengelagert. Ein Steinbrecher bearbeitete je nach Härte des Steins an einem Tag einen 200x40x42 cm großen Stein. Im Sinterkalk= Tuffgalle zeigte sich der Tuff derart hart, dass eine einzelne Nut ein Tagwerk sein konnte. Jeder Stein hatte ein schönes Haupt und ein Lager, welches mit der Flach- oder Spitzaxt behauen wurde. Den Winter über wurden bis zu 20 cbm Stein abgelagert, die im Frühjahr bearbeitet wurden. Der beim Grehlen und Steineputzen anfallende Sand wurde zu Mörtel.

Steinbruchbesitzer hatten im oberen Ermstal ein Tuffhäuschen mit Blick auf die Uracher Straße auf seiner Wiese stehen, wo auch die kargen Mahlzeiten eingenommen wurden. Die Käufer von Steinen und Sand kamen oft zu Fuß das Tal entlang, sodass die Steinbrecher auf Kundenfang gingen um per Handschlag einen Akkord abschließen zu können. 1cbm Stein kostete bei zeitlich bedingter Wertsteigerung 20 Goldmark, 40-60 Reichsmark, ab 1950 bis 120 DM.

Es wird berichtet, dass die privaten Bauherren besser bezahlten als Unternehmer.

Die Keller der Häuser im Ort sind aus einer Tuffbank so ausgebrochen, dass die Gewölbe mit den Steinen an Ort und Stelle gesetzt werden konnten. Spachen und Riegelsteine wurden zum Hausbau oberhalb des Erdgeschosses oder Kleinbauten von Hand zugeschnitten, sie sind heute noch am Ermsufer zu sehen. Tuffsand diente als Mörtel und als Putz auf Innen- und Außenwänden.

Das Ende des traditionsreichen Steinbrecherhandwerkes

Von 1948 bis 1952 wurden mittels eines Lanz Dampfkessels 8 atü, Baujahr 1908 aus minderwertigen Spachen=Ausschusssteinen sowie einem Sand - Zementgemisch Hohlblocksteine hergestellt. Über die angetriebenen Walzen wurde grober Tuffkies in Gattern zu Steinwalzen gerüttelt um dann in entsprechend benötigter Körnung gemahlen zu werden. Mit dem Kies- Sand- und Zementgemisch entstanden Hohlblocksteine zu 50x25x25 cm. Diese Steine wurden bei gutem Wetter innerhalb einer Woche trocken.

Die Brüche im oberen Ermstal wurden nicht alle verfüllt, sie dienen dem Hochwasser-, Grundwasserschutz als Retentions- und wertvolle Biotopflächen, einige wurden mit schwer belastetem Müll verfüllt, Gewässerdirektion Reutlingen.

Auszug aus "Bodenloser See und Schickhardt - Stollen"

Staatsanzeiger Verlag 2005

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